Elch & Engel

Der perfekte Tannebaum

»Bist du sicher, dass wir den hier finden?«
Der Elch glupschte den Engel großäugig an.

»Klar, Moose1, hier stehen doch genug Bäume«,
entgegnete Fleierling2 flockig und schwebte los.


Die beiden Freunde waren auf der Suche nach dem perfekten Tannebaum.
Baum für Baum wurde festen Blicks begutachtet.

1  Moose: Gemeint sind nicht die feuchtliebenden Pflanzen, sondern ein großes Säugetier mit dicker Nase, vgl. Brehms Tierleben: Elch (engl. moose), Alces alces, gehört zur Art der Hirsche und ist vor allem in der Weihnachtszeit weltweit unterwegs, siehe auch -> Rentier. Brehms Tierleben, Ausgabe a.d.J. 1823, S. 278. Abb. unbekannt.

Fleierling: Das ist plattdeutsch für Engel, aber das würde der Engel nie zugeben. Genau genommen ist es eine dithmarschige Mundart für Engel, frag Bauer Tönnsen in Schrum, Dithmarschen, 3. Eiche links. Oder im Dorfkrug. Schriftliche Belege: nicht vorhanden bzw. nicht verifizierbar.

»Der hier?«
Moose zeigte auf einen nadelig-nachtgrünen Nadelbaum mit ätlichen Ästen, die ordentlich nach oben organisiert angeordnet waren.

»Der ist doch filmreif«,
ergänzte er und zwickte mit den Zähnen in einen Zweig.

»Du magst Filme? Cineast.«
Fleierling kreiselte um den Baum, um ihn in heiligen Augenschein zu nehmen.

Moose hatte keine Ahnung, was ein Zine-Ast sein sollte:
»Jaja, Zine-Ast, logisch.«

Er fuhr fort:
»Also, was meinst du, Fleier-Ding? Ist das der perfekte Tannebaum?«

»Mist-Ding«, entgegnete der Engelsgleiche.

»Hä?« Moose hufte3 sich am Kopf.

»Kack Teil«, fluchte der Engel weiter. »Das taugt nix.«

Er hielt dem Elch seinen Heiligenschein vors Gesicht, der müde flackerte.
»Hier, guck. Tut’s mal wieder nich.«

Die Panne war dem Engel mal so ordentlich auf die Heiligkeit geschlagen.
Moose merkte, hier war nichts mehr zu holen. Er konnte nur hilflos mit den Schultern zucken.4

»Nee, der ist es nicht«, entschied Fleierling.

Also schwebten und stapften die beiden weiter.

3 Korrekterweise paar-hufte er sich sogar am Kopf.

4 Zucken? Beben! Bei aktuell 627 Kilogramm Lebendgewicht – Moose hatte gerade noch drei junge Birken und siebzehn Büschel Binsen vertilgt – muss man wohl von »Beben« sprechen.  

»Schau, diese hier!«
Fleierling wies auf eine elegante Tanne, so rein und schlank wie er selbst (sich sah).
»Die ist echt der Hammer!«

Moose legte knackend den Kopf in den korpulenten Nacken.
»Was hat der denn da oben?«, näselte er.
»Sieht aus wie ein ... Baumhaus?!«

»Bauhaus?«, echote Fleierling falsch.

»BAUMhaus!«, blökte Moose laut. Fleierming ist wohl mal wieder in seiner eigenen Welt unterwegs5, dachte er.

»Ach ja, der Bauhaus-Baum, der steht unter Kulturschutz und ist sogar ausgezeichnet worden«, erinnerte sich Fleierling.
»Die Auszeichnung ging im Sommer doch total viral, jede Menge Followers.
Wie bei mir«,
freute sich der Engelsreiche und checkte gleich mal seine Accounts.

Moose staunte. Er hatte keine Ahnung, was Vollo-Asts sein sollten, meinte aber tapfer: »Natürlich, Vollo-Asts, hab ich.«
»Und jetzt?«,
gähnte er dann.

»Na, nix ist, geschützt und blockiert halt«, proklamierte6 der Engel.

Also schwebten und stapften die beiden weiter.

5 Ja, so ist das eben mit Engeln. Sie sind nicht von dieser Welt.

6 Proklamiert? Na, »feierlich verkündet« war das jetzt nicht gerade, eher dann doch proclamara = laut ausrufen, schreien. 

Plötzlich verharrte der Engel, holte tief Luft und fing an zu trällern:
»Schnee-he-flöckchen, Weiß-röckchen ... «

Was hat der denn, fragte sich Moose, bevor er bemerkte, dass sein Huf schon im Takt zuckte. Fleierling tirillierte ganz schön los und Moose bewegte schwer- aber gefällig sein Hinterteil im 4-Viertel-Takt7.

Als der letzte Engelston zwischen den Waldwipfeln schwebend wie ein Schneeflöckchen verklungen war, fragte Moose:
»Wofür war das denn jetzt?«

»Für die Kinder

»Aha. Und welche Kinder jetzt genau?«, kopfschüttelte der Elch und augte umher.

»Na dort, die kleine Baumschule.«

Moose hatte keine Ahnung, dass Bäume auch zur Schule gingen ...
Er sah nur Tannen und den Wald vor lauter Bäumen nicht.

»Naja, war auf jeden Fall ein Hit«, murmelte der Elch.

»Wer kommt mit?«
Fleierling zog fragend eine Augenbraue in die Höhe (die linke, denn die rechte war festgefroren).

»Hi-Hit!«
Moose schüttelte ungläubig8 ob des Engels gedanklicher Abwesenheit den Kopf.

Dann schwebten und stapften die beiden weiter.

7 Wer jetzt selbst mitgesummt hat, wird merken, dass es sich um einen 3-Viertel-Takt handelt. Aber das hier nur am Rande.

8 An Engel glaubte der Elch aber. Wäre ja auch blöd, wenn nicht.

»Stopp!«
Fleierling wedelte hektisch mit den Flügeln und Armen vor Moosens Gesicht herum.
»Nicht die Spuren zertrampeln!«

»Welche Spuren?«
Moose blickte vor sich in den Schnee, aber Fährten lesen gehörte nicht zu seinen Stärken.

»Hier, Eichhörnchen, eindeutig.«
Erregt zeigte der Engel vor, hinter und unter sich auf irgendwas im Schnee.
»Wo Eichhörnchen sind, sind auch perfekte Bäume, das weiß doch jeder«, tönte Fleierling, schwüpfte9 vor Aufregung hoch in die Luft und drehte Pirouetten.

»Ach so?«
Moose musste sich erst mal setzen, so viel Hektik war nicht gut. Unter seinem großen Gesäß quiekte es, aber er konnte sich nicht um alles kümmern.

Fleierling sauste von einer Tanne zur nächsten, in den Ästen eichhörnte es empört, während Moose langsam eindöste.

»Jetzt komm, weiter, der perfekte Tannebaum muss hier ganz in der Nähe sein«, trieb der Engel ihn unseelig an.
»Weiter, weiter, ich muss hier heut noch fertig werden!«

»Jaha«, brummte Moose schmallippig10 und schlurfte durch den Schnee zum nächstbesten Baum.

»Wie wäre der?«

9 Schwüpfen = schweben und hüpfen in einer Bewegung. Das können nur Engel. Der Elch hat es mal probiert und schlägt sich seitdem mit einem ISG-Syndrom herum.

10 Schmallippig? Ein Elch? Das ist physiologisch wohl schwer möglich.

»Was macht denn der Nussbaum hier?!«
Der Engel war verwirrt.

»Ach deswegen die Eichhörnchen«, gluckste Moose und haute dem Engel auf die schmale Schulter.
»Perfekter Baum, Nüsse und Eicheln und so.«

»Verdammt, verdammt, verdammt!«
Fleierling schleuderte seinen Heiligenschein in den Schnee11 und strampelte mit den Füßen wütend in der Luft.
Moose nutzte die Zeit und machte einen Schneeengel12, der ziemlich perfekt ausfiel (und ziemlich breit).

»Und jetzt, Fleia-Wing?«, fragte er zum Engel hinauf, der irgendwie in der Luft hängen geblieben war.

»Und jetzt, und jetzt ... Jetzt muss ich weitersuchen, es ist schon spät.«
Er ergänzte ärgerlich: »Und ein für alle Mal: Ich heiße Flei-er-ling!«

Moose hatte keine Lust mehr, den perfekten Tannebaum aufzutreiben und der cholengrische Engel ging ihm zunehmend auf den – piiiep.
Er schüttelte sich den Schnee aus dem Fell und dann sah er ihn ...

11 Der arme Schnee, er schmolz dahin. Nicht vor Freude, sondern vor Wärme.

12 Schneeengel sind übrigens eine Erfindung von Leohardo ba Winschi, der die praktische Übungsanleitung bereits um 1490 in seinem vitrua ... virtuo ... wirklich tollem Bild zeigte.

... einen Baum zum Niederknien beziehungsweise zum Hin- oder Dahinter-Hocken.

»Ey, hau mal ab, das ist hier echt privat«, brummte der Elch, als der Engel geknickt hinter ihm herschwebte.

Fleierling hatte natürlich keine Ahnung, was der Elch hinter dem Baum wollte, und wandte sich erst irritiert ab, als Moose das Bein hob (keine Details bitte).

»Können wir nicht endlich einen ganz normalen Tannebaum13 finden«, tönte es hinter der Tanne hervor, »so einen ohne Bauhaus, Nüsse oder sonst was?«

»Ja, selbstverständlich können wir das«, flötete Fleierling feierlich, »aber ich brauche eben den perfekten Baum, nicht einen ganz normalen.«

Und dann blieb er stocksteif »stehen« und starrte ein Nadelgewächs an:
mächtig, mit ebenmäßigem Stamm, vielen artigen Ästen und gigantisch groß.

Fleierling begann zu glühen14.
»Das ist er!«

Moose war fertig mit seinen privaten Angelegenheiten, trat hinzu, äste an einem Ast und nickte zustimmend.
»Läuft bei dir, Feier-King«, schmatzte er.

Hauptsache, die Suche hatte ein Ende. Und das hatte sie.
Fleierling war glücklich. Er umarmte erst die Tanne, dann den Elch, dann wieder die Tanne, dann ...


»Jippie, das ist echt eine Bravourleistung von mir, so einen Baum zu finden«,
strahlte Fleierling und umarmte noch mal sicherheitshalber die Tanne und auch gleich sich selbst.

Moose hatte keine Ahnung, was eine Brawuur... (na, Ihr wisst schon).

13 Tannebaum. Ohne »n«. Das ist schon richtig. Schließlich kommt der Elch aus Osnabrück. 

14 Der Engel glühte noch mehr, als er es sonst geschäftsmäßig tut. Denn dies war ja ein besonderer Moment, fast das Highlight des Jahres, im Prinzip.

Einige Zeit später ...

 

»Chef, hier Fleierling.«
Der Engel posaunte in den Hörer.
»Ich habe ihn gefunden. Den perfekten Tannebaum. Wie du es mir aufgetragen hast. Und die Zahnstocher sind auch schon fertig.«

Pause.

»Ja, Zahnstocher, wieso nicht?«

Pause. Lange Pause. Ganz schön lange Pause.

Und dann ein kläglicher Engel: »Ach so, nicht so einen hässlichen Zahnstocher wie letztes Jahr ...«

Er ließ das Telefon in den Schnee fallen.
»Es war alles ein riesiges Missverständnis!«, heulte er.

Und Moose sagte: »Passiert. Wer mit dem Kopf in den Wolken ist ... «

Und dann schwebten und stapften die beiden weiter und weg.

 

Fazit:
Es lebe die perfekte Kommunikation!

Geistesblitz: Manuela und Melanie  •  Stift-Zauberer: Peter  •  Schick machen: Marco und Jochen  •  Buchstaben: Hendrike  •  Buchstaben-Reihenfolge: Gerhild  •  Versuchskaninchen: Dorothée, Anne, Petra und Michelle  •  Ausrufen: Heike und Viola  •  außer Konkurrenz: Lara